Saphenion Patienteninfo: Bertelsmann Klinikstudie

Warum unsere Saphenion Patienteninfo: Bertelsmann Klinikstudie?

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/

Im Jahre 1995 – 1996 arbeitete Dr. Zierau im Krankenhaus Gransee, einem kleineren Krankenhaus im Eigentum der Stadt und als gemeinnützige GmbH geführt. Durch den Studienabschluss Chirurgie und Gefäßchirurgie legitimiert, wurde der Autor als Oberarzt der Gefäßchirurgie mit dem Aufbau einer eigenen gefäßchirurgischen Abteilung betraut. Hintergrund war die Tatsache, dass eine gefäßchirurgische Versorgung für die Bürger in Gransee, Neustrelitz und den anliegenden Gemeinden bis dahin nur im Katholischen Krankenhaus Neubrandenburg oder im Klinikum Buch möglich war. Mithin ein langer Fahrtweg.

Der Autor führte insbesondere die kathetergestützten Therapieformen an den Becken – und Beinarterien ein, daneben wurde die klassische radikalchirurgische Krampfaderchirurgie angeboten. Recht schnell nahmen die Patienten aus der Stadt und dem Umland das neue Angebot an und wir hatten viel zu tun. Auch der an die Klinik angeschlossene Radiologe in eigener Praxis konnte zunehmend Gefäßdiagnostik durchführen.

In diese Zeit fiel die Einführung der sog. Fallpauschalen und Sonderentgelte für die Bezahlung der Klinikleistungen. Die Klinik verdiente sehr gutes Geld mit den arteriellen Kathetereingriffen und der Venenchirurgie.

Mitte 1996 wurde uns dann überraschend offenbart, dass die Klinik an den Paritätischen Wohlfahrtsverband verkauft worden sei und als Reha-Klinik zukünftig die operierten Patienten der orthopädischen Fachklinik Helmut Ulrici bei Oranienburg nachbehandeln soll.

Also eine kalte Schließung einer im Rahmen der Möglichkeiten florierenden Klinik und Wegfall der fachärztlichen Versorgung. Es blieb den Patienten jetzt wieder nur der Weg nach Neubrandenburg oder Berlin – Buch. Und den Mitarbeitern blieben 2 Optionen, sich als Reha – Mitarbeiter umschulen lassen oder sich eine neue Arbeit suchen. Sozialpläne oder Stellenangebote gemäß der Qualifikation gab es nicht.

In diese Zeit fiel dann die Entscheidung der eigenen Niederlassung auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie

Saphenion Patienteninfo: Bertelsmann Klinikstudie – die Vorgaben

Die Bertelsmann Stiftung ist Vielen bekannt – wir wollen uns deshalb nicht mit Herkunft und Zielen der Stiftung befassen. Nur ein kleiner Hinweis: Im Aufsichtsrat der Stiftung sitzt Brigitte Mohn, Vorsitzende der Stiftung Deutsche Schlaganfall – Hilfe, Tochter des Stiftungsgründers Reinhard Mohn, Mitglied des Aufsichtsrates der Bertelsmann Stiftung und Mitglied in der Verwaltungsgesellschaft des Bertelsmann Medienkonzerns. Und sie ist Mitglied im Aufsichtsrat der privaten Rhön-Kliniken AG.

Inwieweit es hier zu Interessenkonflikten oder Interessensynergien kommen kann, muss der Autor offen lassen.

Die Bertelsmann Stiftung hat die Studie finanziert und an das Berliner IGES – Institut vergeben.

Die Vorgaben der Studie

Schließung von über 800 Kliniken, die Zahl der Kliniken soll von ca. 1400 auf unter 600 Kliniken für die gesamte BRD sinken. Es wird behauptet, dass es in vielen Krankenhäusern nicht die Fachqualifikation und technische Ausrüstung gibt, um Notfälle wie Herzinfarkte und Schlaganfälle angemessen zu behandeln.

Dazu meinen wir:

Die Ausbildung der Kardiologen und Anästhesisten / Intensivmediziner schon in der Notfallrettung ist so gut, dass hier Leben gerettet wird. Und in der Realität entscheidet der Notarzt bei Untersuchung des Patienten sofort, ob ein kleineres Krankenhaus oder eine Spezialklinik angefahren werden muss – der Autor ist 1995 als Notfallmediziner auf einem Rettungshubschrauber (Christoph 3) in Köln/Bonn, Bochum, Düsseldorf, Leverkusen und anliegenden Regionen täglich unterwegs gewesen und hat eben diese Entscheidungen auch fällen müssen.

Schließung von Krankenhäusern

Eine Schließung von über 800 Kliniken trifft insbesondere die Flächenländer, hier den Osten Deutschlands mit Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern heftig. Während in den Ballungsräumen und Großstädten tatsächlich ein formales Überangebot an Kliniken besteht, sind die Flächenländer auf kleinere Krankenhäuser der Grund – und Regelversorgung dringend angewiesen. Hier sollte – im Gegensatz zu den Vorgaben der Bertelsmann Studie – vom Staat Bundesrepublik investiert werden in Technik und Personal. Eine Privatisierung der Krankenhäuser, gerade im ländlichen und Flächenraum hätte auf die Grundversorgung keine guten Auswirkungen. Private Klinikbetreiber sehen den Gewinn, d.h. es wird spezialisiert, es wird beim Personal gespart und bei der nicht gewinnträchtigen Grund – und Regelversorgung.

Anders sieht die Situation in Ballungsgebieten aus. In Berlin gibt es 84 Kliniken, in Köln / Leverkusen 34 Kliniken. Hier ist sicher fachspezifisch und in Hinblick auf Synergien zwischen den Kliniken eine Zusammenfassung ähnlicher Strukturen möglich. Jedoch ohne Verlust von Fachärzten und qualifiziertem Pflegepersonal. Denn die Praxis in den Rettungsstellen grosser Krankenhäuser und Universitätsklinika sieht eine extreme Überbelastung. Insbesondere in den Abendstunden und ab Freitag warten Patienten nach Aussagen von Betroffenen bis zu 10 Stunden auch in der Uni – Klinik bis zum ersten Arztkontakt.

Gedanken bei Saphenion :

Wir sehen das Problem hier in erster Linie in den Wirtschaftlichkeitsparametern und dem Personalschlüssel. Dieser wird auf das absolute Mindestmaß heruntergedampft, um Kosten zu sparen. Ein gutes – negatives – Beispiel dafür ist die Helios – Klinik Schwerin. Es wäre also fatal, der Privatisierung zum Munde zu reden. Ganz im Gegenteil sehen wir die Verantwortung für die Notfall – und Erstbetreuung bei den Landesregierungen und dem Bund. Eine Privatisierung führt zu Gewinnmaximierung – diese hat in der Notfallmedizin nun überhaupt nichts verloren.

In ganz Sachsen finden sich 90 Kliniken und in Mecklenburg / Vorpommern 73 Kliniken. Hier eine Schließung von regional angebundenen Kliniken zu veranlassen, würde neben den Arbeitsplatzverlusten tatsächlich die Wege für Patienten zum Krankenhaus ungleich mehr verlängern. Und der Weg einer Privatisierung würde erneut die Profitabilität herausfordern. Damit also auch eine Spezialisierung auf gewinnträchtige Fachgebiete.

Anbindung niedergelassener Haus – und Fachärzte

Die Anbindung niedergelassener Kollegen aller Fachdisziplinen ist an sich eine gute Idee und wird in praxi auch vereinzelt durchgeführt. Allerdings lässt sich das ambulante Facharztsystem nicht adäquat in die Notfall – und Rettungsmedizin einbinden. Hier stehen Arbeitszeit, Entlohnung, räumliche und zeitliche Verfügbarkeit als kaum zu lösende Probleme. Nicht umsonst hat Gesundheitsminister Spahn und sein Ministerium die Wochenarbeitszeit niedergelassener Ärzte ausschließlich für Kassenpatienten auf 25 Stunden erhöhen lassen – auch hier ist eine unzumutbare Terminsituation und Wartezeit bei Haus – und Fachärzten inzwischen die Regel.

Eine bereits vielfach praktizierte Methode ist die Ausgründung von ambulant tätigen Medizinischen Versorgungszentren. Diese werden entweder von grossen Kliniken betrieben oder privat geführt. Ähnlich dem aus der ehemaligen DDR bekannten Poliklinik – System arbeiten hier unterschiedliche Fachdisziplinen unter einem Dach – mit Zulassung zur kassenärztlichen Abrechnung. Dies ist sicher ein möglicher Weg zur Verbesserung der ambulanten Versorgung. Es sind aber Zweifel erlaubt, ob es hierbei in jedem Fall wirklich um die Verbesserung der ambulanten Grund- und Regelversorgung geht oder eher um die Aquise von Patienten mit lukrativen Therapieoptionen.

Wir sind der Auffassung:

Es bedarf zur Lösung dieses Problems nicht einer Zwangserhöhung der spezifischen Sprechstundenzeit. Hier ist wohl eher eine Erhöhung der Arztzulassungen und insbesondere ein Ausbau des ambulanten Sektors in der Fläche und auf dem Lande sinnvoll.

Auch die neue Computerwelt mit möglicher Videosprechstunde löst in keiner Weise das Problem der Wartezeit und Termine. Denn welcher Arzt verlässt sich nur auf das Gesagte und Gezeigte am Bildschirm eines Computers, um Diagnosen zu stellen und Therapien zu entwickeln? Ganz abgesehen davon, dass diese sog. Telematikstruktur in der Akut – und Notfallmedizin sicher nicht zur Behandlung von Schwerkranken eingesetzt werden kann.

Akute Gefäßmedizinunsere Sicht

Unser Hauptgebiet ist die Gefäßmedizin. Auch hier gibt es eine Reihe von Krankheitsbildern, die einer schnellen und fachgerechten Versorgung bedürfen. Neben der tiefen Beinvenenthrombose ist vor allem der akute Arterienverschluss am Arm und Bein sowie das geplatzte Aortenaneurysma zu nennen. Der Schlaganfall ist in vielen Fällen ebenfalls auf Gefäßveränderungen (Verschluss, Aneurysma) zurück zu führen.

Während eine tiefe Venenthrombose durchaus sehr gut ambulant effektiv behandelt werden kann und wird, sieht es bei den akuten arteriellen Erkrankungen recht schlecht aus – hier ist umgehende stationäre Therapie in einem Gefäßzentrum unabdingbar und gehört nicht in die Ambulanz. Ein akuter Verschluss peripherer Arterien kann durchaus zunächst medikamentös anbehandelt werden.

Dramatisch wird es beim geplatzten Aortenaneurysma, hier besteht eine sehr hohe Todesrate infolge zu langer Transportwege. Eine schnellstmögliche Einlieferung und Op in einem spezialisierten Gefäßzentrum gibt eine um 45% erhöhte Chance der Lebensrettung!

In der Betrachtung all dieser Faktoren spricht Vieles dafür, die stationären Gefäßzentren eher zu erweitern. Dorthin gehört aber in jedem Fall nicht die Therapie von Krampfadern – dies ist aber Realität, weil lukrativ.

Interessenkonflikt / Disclosure

Unsere Ausführungen basieren auf Erfahrungen in der täglichen gefäßchirurgischen und gefäßmedizinischen Praxis. Wir führen oft auch über diese Thematik Gespräche mit stationär tätigen Kollegen und unseren Patienten. Eine wirtschaftliche oder inhaltliche Abhängigkeit von einer Partei, Stiftung, Behörde, Kammer oder einem Medizinprodukte – Unternehmen besteht nicht. Die Ausführungen stellen eine Darstellung der gewonnenden eigenen Erfahrungen dar und erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Dr. Ulf Th.Zierau, PD Dr. W.Lahl, Dr. Lillie Martell

Fotonachweis:

Utzius: Kopenhagen –

Links / Literatur:

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/

https://www.coliquio.de/wissen/klinik-wissen-kompakt-100/klinikkahlschlag-ohne-sinn-100?%2A%7CAUTOLOG%7C&fbclid=IwAR2Z4nvv5Dqpb-d2cRoKPTxQ9C47RoacvS0UPz-oRzGgnhukuO8M8FJm7fI

https://www.kliniken.de/krankenhaus/deutschland/ort?s=3&fbclid=IwAR1ngd7IuQCRkx2pDdPbFqZP555JZILH2umoZMeIxaBHrQxwAsYjNYVhRLU

https://www.kliniken.de/krankenhaus/deutschland/ort/berlin?fbclid=IwAR0AoAyhRHMyHOQgUX4a_ESv63MFFjtXllN5qbDTLvNDirzZsqvXUDBCKP8

https://www.kliniken.de/krankenhaus/deutschland/ort/leverkusen?fbclid=IwAR1TVS4pdi_ojEy4YHBqTCWbKpktIlIVIWptf8kqnPreMQAYDwbKQv6hJeI

https://www.deutsches-krankenhaus-verzeichnis.de/suche/Bundesland/Mecklenburg-Vorpommern.html?fbclid=IwAR2sn3I9E2FBNOyM6Tykes8A8i-l4fzwdoHTCuaz54M0LixpWULjqJ6J1fQ

https://www.deutsches-krankenhaus-verzeichnis.de/suche/Bundesland/Sachsen.html?fbclid=IwAR1qX5bHcu-FJekljL4rQtyGnHD7YugG4eRNywaMvbTqhJi9mvv3Rs1CUig

https://www.deutschlandfunk.de/bertelsmann-studie-ueber-krankenhausversorgung-historisch.720.de.html?dram:article_id=454401

https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/bertelsmann-stiftung-kliniken-krankenhaus-studie-schliessung

https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/bertelsmann-jedes-zweite-krankenhaus-sollte-schliessen-a-1277356.html

https://www.rettungsdienst.de/tipps-wissen/lebensgefahr-bei-der-ruptur-eines-aortenaneurysmas-55209

Kommentare

  1. Ziehe den Hut.
    Zur richtigen Zeit diese klare Stellungnahme.
    Es werden hoffentlich wichtige Entscheidungsträger ebenso lesen und bedenken!
    Können wir von Dänemark diesbezüglich noch lernen?
    Einstweilen genießen wir deren Kunst als Beigabe dieses Beitrages.

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