Vene im Hochsommer – Schwellung, Entzündung, Thrombose

Vene im Hochsommer…

Bei dem Gedanken Vene im Hochsommer muß man sofort an die extremen Belastungen denken, denen Venen bei den gegenwärtigen Temperaturen auferlegt sind.  Dies betrifft nicht nur Fernreisende, lange Flug – oder Busreisen oder eine Rundfahrt mit dem eigenen  Auto am Mittelmeer.  Es betrifft jeden Menschen, ob zuhause oder während der Arbeit, ob am Wochentag oder am Wochenende!

Eindrucksvoll wird uns dieser Fakt in der praktischen Arbeit – ganz besonders in diesem Jahr –  vor Augen geführt.

Kleine Statistik:  

Etwa 70% aller Erwachsenen im deutschsprachigen Raum leiden an Krampfadern verschiedener Schweregrade. Die Therapierichtlinien dazu sind in Leitlinien fixiert.

Im April stellten sich bei uns 6 Patienten mit einer Venenentzündung akut in den Praxen vor.  Im Juli waren es 18 Patienten. Gleichzeitig versorgten wir aber im Juli urlaubsbedingt  20% weniger Patienten. Also 300% mehr Venenentzündungen bei 20% weniger Patienten. Logisch, möchte man meinen. Und unseren Kollegen geht es sicher genau so, auch die Rettungsstellen berichten davon.

 

Vene im Hochsommer – ein hochflexibles Röhrensystem mit stehender Blutsäule

Physiologisch betrachtet spielen die Arm – und insbesondere Beinvenen bei der Regulierung des Wärmehaushaltes und der Stabilisierung der Körperkerntemperatur eine wesentliche Rolle. Um so wärmer, um so mehr Blut wird in die Extremitätenvenen gepumpt . Dies kann Jeder an sich selbst beobachten. Geschwollene Arm – und Beinvenen sind gegenwärtig bereits  am Vormittag zu beobachten. Ca. 80 – 90% des gesamten Blutvolumens sind dann in diese Venen gespeichert.

Aber während wir mit den Armen ständig aktiv sind und der hydrostatische Druck auch deutlich geringer ist, liegt in den Beinen ein extrem hohes hydrostatisches Druckgefälle vor.

Die Effekte kurz beschrieben:

  • Blutvolumen in den Venen sehr hoch
  • Venendruck massiv erhöht
  • Venen stark erweitert/ Venenwand hoch flexibel!
  • Fließgeschwindigkeit des Blutes extrem verlangsamt oder gar stehende Blutsäule
  • Eindickung des Blutes durch Flüssigkeitsverlust und zu wenig Trinken

Die Folgen kurz skizziert:

  • Einschnürung durch Strümpfe / Söckchen /Riemchen stoppen den Blutfluss an Hautvenen
  • Lange sitzende Körperhaltung führt zu einem Stop des Blutflusses auch in der Knievene
  • Flüssigkeitsmangel führt zu erhöhter Gerinnungsneigung
  • Thrombose in den Hautvenen ( Thrombophlebitis) – Wachstum des Thrombus in die tiefen Venen hinein
  • Thrombose in den tiefen Venen (tiefe Venenthrombose),
  • Thrombose ab Knievene –  60% Lungenembolierisiko!

Die Begleitrisiken kurz dargestellt:

  • Bekannte alte Venenentzündung oder Thrombose
  • Bekannte Krampfadern
  • Bekannte angeborene Gerinnungsstörungen
  • Schwangerschaften (hoher Östrogenspiegel)
  • Einnahme von Antibabypille mit hohem Östrogenanteil
  • Leistungssportliche Aktivitäten mit hohem Flüssigkeitsverlust
  • Lange Flug – oder Busreisen
  • Adipositas

Risiko Venenentzündung, Venenthrombose, Lungenembolie

Eine wichtige Ursache der venösen Lungenembolien ist die tiefe Venenthrombose und / oder verschleppte Venenentzündung. Sie entsteht durch die Bildung eines Blutgerinnsels in den Bein­venen, das den Blutfluß beeinträchtigt. Der Patient bemerkt die Thrombose durch Schmerzen im Bein. Es schwillt an und ist druckschmerzhaft, schwer und auch gerötet. Meistens beginnt eine Thrombose in den tiefen Venen des Unterschenkels. Hier ist auch der Venendruck am höchsten – zwischen 100-130 mmHg.

Ohne eine entsprechende Krankheitsanamnese ist das Risiko – über das gesamte Jahr betrachtet – zwar gering (1:5000).

Sind jedochKrampfadern, Thrombosen oder Venenentzündungen in der Familie bekannt oder hat eine Operation vor der Reise stattgefunden, ist eine Thrombose nicht selten. Besteht eine Schwangerschaf, t oder werden östrogenhaltige Antibaby -Präparate eingenommen, steigt das Risiko auf das 8 -12 fache!

Stehende Blutsäule im Venensystem 

Die Symptome der thermisch bedingten Venenüberlastung können, wie oben beschrieben, bereits am Vormittag erkennbar werden. Entscheidend ist bei der venösen Entzündung / Thrombose, daß die venöse Blutsäule in den Venen des Beines, insbesondere in den Unterschnekelvenen über längere Zeit „steht“. Dies löst dann eine Gerinnungskaskade aus, die zunächst mit einem lokalen Verschluss der Vene beginnt und sich bei fehlender Therapie dann in den tiefen Venen in aufsteigender Richtung fortsetzt. Das Lungenembolierisiko steigt drastisch an (60%), wenn die Thrombose die Knievene erreicht.

Der Autor hat eben diesen beschriebenen Mechanismus auch selbst erlebt…

Vorbeugende Therapieempfehlungen

Venen im Hochsommer – was kann Jeder für sich tun?  Hier ein paar Tipps zur Selbsthilfe für Patienten ohne gesteigertes Risiko:

  • Ausreichend und regelmäßig trinken
  • Bewegung zum Training der Wadenmuskelpumpe
  • Beine hochlagern (Nabelhöhe), wann immer möglich
  • Antibabypillen ohne Östrogenanteil
  • Belastungsadaptiert (Flug / Busreise) Kompressionsstrumpf Klasse 1
  • Beine regelmäßig kühlen durch Baden oder kalte Duschen
  • Alkoholkompressen auflegen

Venen im Hochsommer – was sollte der Risikopatient zusätzlich tun?

  • Kompressionsstrumpf Klasse 2
  • ärztliche Beratung zur Einnahme von Gerinnungshemmern
  • Heparininjektionen vor langen Reisen

Und es gilt selbstverständlich die Empfehlung: Bei Verdacht auf Venenentzündung und Thrombose bitte zeitnah den Gefäßchirurgen oder Phlebologen aufsuchen. Eine Ultraschalluntersuchung ergibt sehr schnell Aufschluss und ermöglicht eine effektive Therapieempfehlung!

Eine wichtige Einschränkung: 

Insbesondere in den USA werden  ASS / ASPIRIN und ähnliche, frei verkäufliche preiswerte Thrombozytenaggregationshemmer als Thromboseprophylaxe allgemein favorisiert.

Diese Therapie ist nach unserer Meinung jedoch weitgehend wirkungslos.

Bereits in 1988 hat der Autor in seiner Dissertation an der Humboldt Universität Berlin darauf hingewiesen, dass diese Substanzen im Venensystem keine wesentliche antithrombotische Wirkung erreichen (siehe Literaturangaben: Dissertation A, S.37).  Diese Aussage wird von etlichen Autoren auch aktuell bestätigt.

 

 

Quellen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27624857

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27364170

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25802829

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24597166

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11565823

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=47188

Dipl. med. Ulf Thorsten Zierau: Die Bedeutung des Krankheitsbildes der tiefen Bein – und Beckenvenenthrombose – Prinzipien der Diagnostik, Therapie und Prophylaxe am Charité – Klinikum Dissertationsschrift an der Medizinische Fakultät der Humboldt Universität Berlin, 1988. S.34 – 37

 

 

 

 

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