Saphenion®: Militarisierung der Medizin?

Saphenion®: Militarisierung der Medizin – der damals verantwortliche Minister Karl Lauterbach hatte angekündigt, auch das deutsche Gesundheitssystem für den militärischen Bündnisfall der NATO in Europa fit machen zu wollen. Das braucht keine weitreichende Interpretation, es bedeutet schlicht, daß im Fall einen Krieges – mit Russland – die deutschen Krankenhäuser und Praxen unter enormer Belastung durch vermeintlich Kriegsverletzte, insbesondere aus den osteuropäischen Länder stehen werden.

Die Konturen des Gesetzes umschrieb Lauterbach so: „Im Krisenfall muss jeder Arzt, jedes Krankenhaus, jedes Gesundheitsamt wissen, was zu tun ist. Wir brauchen klare Zuständigkeiten – etwa für die Verteilung einer hohen Zahl an Verletzten auf die Kliniken in Deutschland.“ Man rechnet aktuell bereits mit 1000 Soldaten / Tag, die in Krankenhäusern unseres Landes vorrangig aufzunehmen sind

Dies ist natürlich nur ein Hundertstel der Wahrheit, denn im Bündnisfall wird Deutschland ein Hauptkriegsschauplatz werden und damit sind zunächst und in erster Linie die 84 Mio. Deutschen gefährdet. Allein schon der Gedanke, daß ein Bundesgesundheitsminister über den Kriegsfall nachdenkt, lässt erschrecken, Kopfschütteln reicht nicht mehr!

Und auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hat gefordert, das Gesundheitssystem auf einen möglichen Kriegsfall vorzubereiten:

“Das Gesundheitswesen in Deutschland braucht eine umfassende Resilienzstrategie, auch für den Bündnis – beziehungsweise Verteidigungsfall. Dieser wird unwahrscheinlicher, wenn potenzielle Angreifer wissen, dass wir auch in Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung gut vorbereitet sind”, sagte Reinhardt der “Welt”.

Dazu müssten Lieferketten “abgesichert und diversifiziert”, die digitale Infrastruktur gestärkt und Fachkräfte “nachhaltig” ausgebildet werden. “Wir müssen die Zusammenarbeit ziviler und militärischer Gesundheitseinrichtungen intensivieren, um im Verteidigungs – beziehungsweise Bündnisfall eingespielt agieren zu können”, fordert Reinhardt. “Und nicht zuletzt müssen Bund, Länder und Kommunen ihre Krisenmanagementpläne aktuell halten und Krankenhäuser dabei unterstützen, regelmäßig Notfallübungen zu organisieren.”

Gerade auch als Beschäftigte im Gesundheitswesen müssen wir auf die grausamen Schrecken eines jeden Krieges aufmerksam machen und der Logik widersprechen, nach der die militärische Aufrüstung die einzige Option darstellt, um »Frieden zu wahren«. Durch das vorzeitige Ende der Ampelkoalition wurde ein Gesundheitssicherstellungsgesetz erst von der jetzigen Regierung in Angriff genommen werden. Mit einem NATO – affinen CDU-Kanzler Merz hat das Thema Militarisierung, wie erwartet, weiter an Bedeutung gewonnen. 

Es ist also recht wahrscheinlich, dass wir auch im Gesundheitswesen eine fortschreitende Militarisierung als Kulisse erleben werden. Dabei können wir davon ausgehen, dass der Abbau von zivilen Strukturen und der Aufbau von Kapazitäten fürs Militär Hand in Hand gehen werden. Im Wahlkampf der Bundestagsparteien war es sehr still um das Thema Gesundheitsversorgung. Während der Bevölkerung das Thema Gesundheit und Pflege laut Ärzteblatt sehr wichtig sei, teilweise sogar wichtiger als innere Sicherheit und Wirtschaft, spielt es im Wahlkampf praktisch keine Rolle. Es ist also weiterhin Sache der im Gesundheitssystem Beschäftigten, in Bündnissen mit der Zivilgesellschaft, für ein gutes Gesundheitssystem, bessere Arbeitsbedingungen und gegen eine fortschreitende Einbindung in den Militärapparat zu streiten. Es wird regelmäßig von politischer Seite darauf hingewiesen, welch wichtiger Faktor das Gesundheitswesen für die Moral und Resilienz der Bevölkerung in Konfliktfällen darstelle. Stattdessen können auch wir eine wichtige Stimme des Widerstands und des Einsatzes für den Frieden sein.”

Seit fünf Jahren – die Bundesärztekammer gab selbst den Startschuß – wird eine engagierte Diskussion um die “Katastrophenmedizin” geführt. Hauptsächlich geht es dabei um ihr Kernstück, die “Triage” (auch nonethisch als “Sichtung” oder “sorting” genannt). Bei einem “Massenanfall” von Verletzten, der die Einrichtungen des Gesundheitswesens überfordern würde, sollen die Verletzten zunächst nach Prognose und Dringlichkeit der Behandlung kategorisiert ( im Normalfall in vier Gruppen) und erst dann behandelt werden. Die Gruppe der Schwerstverletzten (auch Gruppe der “Hoffnungslosen”, der “abwartenden Behandlung” oder kurz “T4” genannt) wird jedoch ohne medizinische Versorgung bleiben – bis auf Absonderung und Gabe von sedierenden und schmerzlindernden Medikamenten.

Darum dreht sich hauptsächlich die Diskussion. Kann und muß man schwerverletzte Patienten, für deren Versorgung im medizinischen System keine Kapazitäten frei sind, zurückstellen?

Triage in Militär – und Katastrophenmedizin

Im Alltag wird für diese Schwerstverletzten die ganze Hochleistungsmedizin aufgeboten, im “Katastrophenfall” werden diese Patienten “unversorgt” sterben gelassen? Ärztekammern – und mit Ihnen die Institutionen des Zivilschutzes und die Bundeswehr – bejahen diese Frage und fordern, daß die gesamte Ärzteschaft die entsprechende Selektionstechnik einübt. Und um welche “Katastrophen” handelt es sich dabei?

Und wieviel Ethik bleibt dann der Medizin noch?

Die “Triage” ist eine Entwicklung der Militärmedizin – eine Technik, die schon in den letzten beiden brutalen Weltkriegen angewandt wurde. Welche Funktion die Triage in den deutschen Armeen und heute in der Bundeswehr hatte und hat, soll im folgenden untersucht werden. Eine solche Sichtweise wird auch die “katastrophenmedizinischen” Fragestellungen besser einordnen helfen. Denn es geht ja nicht um eine Kritik der “Katastrophenmedizin” oder der Triage “an sich”, sondern um die Kritik ihrer spezifisch bundesrepublikanischen Ausprägung.

Medizinische Versorgung auf dem Schlachtfeld hat es schon im Altertum gegeben. Die heute aktuelle planmäßige Einstufung der Verletzten nach ihrer Prognose und die daraus resultierenden Transport – und Behandlungsprioritäten entwickelten sich dagegen erst im 19. Jahrhundert. Der russische Chirurg Pirogoff berichtet als einer der Ersten über diese Einstufung. Um die Gefahr der Hospitalinfektion zu mildern, der viele der eingelieferten Verletzte erlagen, vertrat Pirogoff eine Art “Verteilungsstrategie”. Die Soldaten bekamen auf dem Schlachtfeld eine erste Hilfe, wurden dann nach ihrer Transportfähigkeit kategorisiert – wobei die Gruppe der Hoffnungslosen vom Transport ausgeschlossen wurde – und mit Hilfe der Eisenbahn über die Lazarette des Landes verstreut. 

Das Verfahren gelangte im Krimkrieg (1853 – 56) zum ersten Mal in großem Maßstab zum Einsatz. Seine Voraussetzung war das neue Verkehrsmittel Eisenbahn, das einen schonenderen Transport als Ochsen- oder Eselskarren erlaubte.

In 1864 legte Pirogoff in seinem Buch “Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie” folgende Verwundetenkategorien fest:

1) Hoffnungslose Fälle

2)  lebensgefährlich Verletzte, die sofort behandelt werden müssen

3)  Verletzte, die auch eine unaufschiebbare, aber präservative Hilfe verlangen

4)  Verwundete, bei denen die unmittelbar chirurgische Hilfe nur wegen eines schadlosen und bequemen Transportes notwendig ist.

5) Verwundete, bei denen ein einfacher Deckverband oder eine Extraktion der oberflächlich liegenden Geschoßkugeln oder – splitter erfolgen konnte.

Schon 1866 in der Schlacht von Königsgrätz und 1870/71 im Krieg gegen Frankreich setzte die preußische Armee ein ähnliches Triage- und Abtransportschema ein.

Die hinter der Front gelegenen Hauptverbandsplätze leisteten erste Hilfe, stuften die Verwundeten ein und stellten – soweit es ging – Transportfähigkeit her. Die fachärztliche, chirurgische Versorgung fand dann erst sehr viel später statt. Es ist klar, daß dieses Verfahren die Chancen der Schwerverwundeten minderte.

In 1914 entfesselte das mit Österrreich / Ungarn verbündete Deutsche Reich den I. Weltkrieg. Es ging um die Vorherrschaft in Europa und die Neuaufteilung der Welt. Militärstrategisch sollten in einem Blitzkrieg die Gegner niedergeworfen werden. In einem solchen Konzept war kein Platz für eine frontnahe, qualifizierte, fachchirurgische Behandlung der Verwundeten. Die Hauptverbandsplätze hinter der Front fungierten als eine Art Rangierbahnhöfe: erste Hilfe, Festlegung von Transportkapazitäten, Aussortierung der Schwerverletzten zum Sterben und der Leichtverletzten zwecks baldiger Rückführung zur Truppe.

Als der Stellungskrieg mit seinen furchtbaren Materialschlachten begann, entstanden zahlreiche frontnahe Lazarette, in denen leicht Verwundete behandelt wurden: nach ihrer Auskurierung konnten sie so schneller wieder der Truppe zugeführt werden. Das System der Sortierung wurde perfektioniert: der Verwundete durchlief von der Front bis zur deutschen Grenze zahlreiche Triage – Stationen, die Leichtverwundete aufhielten und zurückschickten. Die frontnahe Versorgung der Schwerverwundeten wurde dagegen nicht verbessert.

Als die deutschen Armeen zum zweiten Mal im gleichen Jahrhundert ihre Nachbarn überfielen, waren die Sanitätstruppen der Hitler – Wehrmacht in die Militärstrategie eingebunden. In Ziffer 2 der Heeressanitätsvorschrift von 1938 heißt es:

Aufgabe der Ärzte und Sanitäter war es demnach, die Kampfkraft der Truppe zu bewahren bzw. wiederherzustellen. Nur die Kampfkraft des Soldaten – vorhanden oder zumindest wiederhersteIlbar – zählte! Als Krüppel oder Langzeitpatient ohne Chance, wieder in die kämpfende Armee eingereiht zu werden, war der Soldat von minderem militärmedizinischen Interesse.

Den leicht Verletzten (Gruppe 1+2) wird in diesem Schema eine große Bedeutung zugemessen – offenbar, weil sie am schnellsten wieder der Truppe zugeführt werden können. Die Gruppe 3 wird für die chirurgische Versorgung und den Abtransport weiter in drei “Dringlichkeitsstufen” differenziert:

Erste Dringlichkeitsstufe: z.B. Schock, Asphyxie, Spannungspneumothorax.

Zweite Dringlichkeitsstufe : z.B. Bauchverletzungen, Thoraxverletzungen, Gefäßverletzungen, Hirnverletzungen.

Dritte Dringlichkeitsstufe: Rückenmarksverletzungen, Augenverletzungen etc..

Vierte Dringlichkeitsstufe: “Selbstverständlich ist es nutzlos, auf die hoffnungslos Verwundeten der Gruppe 4 zu viel Zeit zu verwenden, Denn wenn sicher der Sanitätsoffizier zu lange mit den Verwundeten dieser Gruppe und der Gruppe 2 aufhält, kann dies dazu führen, daß der Zustand der Verwundeten in der Gruppe 3, bei der die größten Chancen für eine Rettung bestehen, sich verschlimmert und vermeidbare Todesfälle eintreten” .

Pläne für atomare Angriffskriege gegen die UdSSR bestanden schon in den vierziger Jahren, wie dokumentarisch belegt ist. Der von den Vereinigten Stabschefs der USA entworfene Plan “Drop – shot” vom 19.12.1949 – er sollte 1957 zur Anwendung kommen – sah den Abwurf von mindestens 180 Atombomben binnen 30 Tagen auf die UdSSR vor, anschließend sollte das Land besetzt werden.

Vor 1957 erhoffte sich das Pentagon eine ausreichende militärische Überlegenheit. Daraus wurde nichts, der atomare Angriff fand nicht statt, weil auf Grund des raschen atomaren Nachrüstens der UdSSR ein Sieg im Atomkrieg undenkbar wurde!

In den 60er Jahren änderte die NATO darum ihre offizielle Doktrin: an die Stelle der “massiven Vergeltung” trat die Strategie der “flexible response” – wobei die Worte “Vergeltung” und “response” in makabrem Widerspruch zu den bekannten Erstschlagsplänen stehen. Kerngedanke der “flexible response” war und ist es, unterhalb der Schwelle eines “großen” Atomkrieges mit sog. “taktischen Nuklearwaffen” Krieg zu führen, z.B. in Europa!!!!

Zug um Zug wurden in der Bundesrepublik taktische Atomwaffen gelagert, heute ca. 6000 an der Zahl. Ihre Detonationsstärken reichten bis zum Zehnfachen der Hiroshima – Bombe. Die Reichweiten ihrer Träger sind so ausgelegt, daß diese “taktischen Waffen” überwiegend auf dem Territorium der Bundesrepublik, der ehemaligen DDR, in Polen und der Tschechei oder Slowakei detonieren müßten.

Bereits ein Zehntel bis ein Fünfzigstel dieser Waffen, kämen sie zur Anwendung, würden die Bundesrepublik als lebensfähige Industriegesellschaft auslöschen. Zu diesem Ergebnis kam 1971 eine Forschungsgruppe um Friedrich von Weizsäcker!


Entsprechend der herrschenden Strategie hatte sich die Militärmedizin heute in jedem Fall auf eine thermo – nukleare Kriegsführung vorzubereiten. Das stellte sie vor unlösbare Probleme. Man intensivierte die Forschung, um Medikamente gegen die Wirkung ionisierender Strahlung zu entwickeln – die Strahlenkrankheit ist aber nach wie vor (mit Ausnahme der unter Kriegsbedingungen nicht einsetzbaren Knochenmarktransplantation) causal nicht therapierbar. Dazu käme der Massenanfall von Verbrennungs – und polytraumatisierten Patienten, dieser würde jedes Gesundheitswesen überfordern!

Was also tun? Da die Atomkriegsfolgen medizinisch nicht beherrschbar sind, und ein Sieg in einem solchen Krieg nicht mehr möglich ist – andererseits die NATO – Doktrin die Anwendung von Nuklearwaffen vorsieht – verlegte sich die Militärmedizin auf eine “Weiterentwicklung” der Triage.

Im NATO-Handbuch heißt es: “Das Hauptproblem der thermonuklearen Kriegsführung liegt darin, daß plötzlich eine enorme Zahl von Verwundeten auf die noch übrig gebliebenen Sanitätseinrichtungen einstürzt. Neuerdings wird der Ausdruck “Massenanfälle” benutzt, um damit das plötzliche Auftreten einer überwältigenden Zahl von verwundeten Soldaten und Zivilisten zu bezeichnen, die in einem oder mehreren begrenzten Gebieten innerhalb kürzester Zeit die örtlich verfügbaren Sanitätseinrichtungen einfach überfluten, wobei diese gar nicht mehr in der Lage sind, ärztliche oder auch pflegerische Versorgung zu gewährleisten. Aber auch im thermo – nuklearen Zeitalter bleibt das grundlegende Prinzip der Wehrmedizin weiterhin unverändert, nämlich soviel Soldaten wie möglich zur Durchführung der militärischen Aufgaben einsatzbereit zu erhalten – die Triage der Verletzungen.

Im Unterpunkt “Massenanfälle” des Triagekapitels wird es noch deutlicher: “Die Sichtung ist – … die Grundlage der ärztlichen Behandlung! Wer weiter eingesetzt werden kann, wird sofort versorgt, wer schwer verletzt ist, muss warten! Stellt sich die Frage, worauf er warten muß – auf den rettenden Schuß?

Die “Berliner Zeitung” hat am 06.10.2025 exklusiv von der Ausarbeitung der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, Frau Dr. Ina Czyborra (SPD), zum “Rahmenplan Zivile Verteidigung” berichtet.

Der „Rahmenplan Zivile Verteidigung“ sieht unter anderem Triage zugunsten des Militärs vor. Viele Ärzte warnen bereits: „Die Zivilbevölkerung kommt ganz zum Schluss“.

Die Vorbereitungen für einen Krieg gegen Russland laufen auf Hochtouren. Die Bundesregierung will das Land so schnell wie möglich kriegstüchtig machen und investiert dafür Rekordsummen in die Aufrüstung der Bundeswehr. Auch eine Rückkehr der Wehrpflicht dürfte bald bevorstehen.

Parallel dazu wird die sogenannte Zivile Verteidigung vorangetrieben. Im Zentrum stehen die Krankenhäuser, die im Kriegsfall nach Angaben der Bundeswehr täglich bis zu 1000 verwundete Soldaten versorgen müssten. Allein Berlin hätte die Aufgabe, 100 verletzte Soldaten pro Tag aufzunehmen.

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/exklusives-dokument-so-werden-berliner-kliniken-auf-krieg-vorbereitet-li.2360385

Als erstes Berliner Krankenhaus zog es die berühmte Charitè, Europas bestes Krankenhaus der vergangenen Jahre, zur Militärmedizin. Es wurde ein Kooperationsvertrag mit dem Bundeswehrkrankenhaus (ehemals Volkspolizei – Krankenhaus, 500m westwärts vom Gelände der Charitè), abgeschlossen.

Ziel dieser Kooperation ist es, neben einer medizinisch – wissenschaftlichen Arbeit vor allem die gemeinsame Entwicklung militärmedizinischer Wissenschaft und die Ausbildung von zivil tätigen Ärzten und Medizinstudenten auch im Fach Militärmedizin zu entwickeln und zu fördern.

Das Senatspapier zum militärmedizinischen Aufbau der Berliner Medizin sieht darüber hinaus die Entwicklung und Förderung militärmedizischer Abteilungen in allen Berliner Krankenhäusern vor. Die grössten 30 Krankenhäuser (von über 90 Häusern) bekommen nunmehr auch direkt militärmedizinische Aufgaben. Es ist im Kriegsfall vorgesehen, diese Häuser für die militärmedizinische Versorgung verletzter Soldaten vorzuhalten. Die Versorgung ziviler Patienten wird zurück gesetzt. Im Ernstfall wird die – oben beschriebene militärmedizinische Triage als Leitprinzip der Versorgung aktiviert und vorgeschrieben. Dies bedeutet in jedem Fall eine weitere Verschlechterung der medizinischen Versorgung der Zivilbevölkerung bis zur kompletten Stopp.

Unverständlich erscheint hier auch die Annahme, das ca. 1000 verletzte Soldaten täglich anfallen, und alleine in den Berliner Krankenhäusern ca. 100 Soldaten täglich versorgt werden müssten – natürlich nach Richtlinien der militärmedizinischen Triage. Somit steht der zivile Patient ganz hinten auf der Versorgungsliste.

Es ist ganz erstaunlich, woher die Senatorin mit ihren Spezialisten die Annahme nimmt, lediglich 100 verletzte Soldaten würden täglich in den Berliner Krankenhäusern versorgt werden müssen. In einem ernsthaften Konflikt sollte gerade der Großraum Berlin (incl. Strausberg, Erkner, Potsdam, Oranienburg) massiv von Angriffen betroffen sein. Die Zahl 100 ist somit reichlich unwissend und naiv und damit auch völlig unrealistisch (wissentlich). Es werden tausende Verletzte sein. Dazu kommen dann noch tausende verletzte Zivilisten…Es stellt sich damit die Frage, für wen sind die Krankenhäuser dann primär da? Richtig – für das Militär!

Und uns tätigen Ärzten stellt sich hier eine wichtige fachliche Frage! Wo bleibt die ärztliche Ethik in diesem praktischen Modell?

Ab 1979, nach Ablegung des Abiturs wurde ich zu einem dreijährigen Wehrdienst eingezogen. Dem zuständigem Wehrkreiskommando in Berlin – Mitte war mein Wunsch und meine Zulassung zum Studium der Humanmedizin an der Charitè / Humboldt – Universität bekannt. So wurde ich nach der Grundausbildung zur weiteren Ausbildung an eine Sanitäts – Unteroffiziers – Schule versetzt. Nach 3 Monaten Ausbildung und weiteren 3 Monaten als Ausbilder der nachkommenden Sanitäter wurde ich dann an einen Sanitäts – Stützpunkt im Norden von Brandenburg versetzt.

Während unserer Ausbildung zu Sanitätern wurden wir selbstverständlich ebenso mit der Selektion von Verletzten im Sinne der “Triage” konfrontiert. Unsere Ausbildungsoffiziere teilten uns die Schritte der Triage ebenso mit, wie oben bereits beschrieben. Es mag vielleicht überraschen, aber bereits in 1980 regte sich in uns und in mir bei der Ausbildung ein massiver Widerstand im Sinne eines Gefühls von Inhumanität, der so gar nicht in das Berufsbild des Wunschberufes Arzt passte. Dieser innere Widerstand baute sich dann zu einer auch nach aussen getragenen Kritik an dieser Art medizinischen Denkens auf:

In einem Feldlager mit aufgebautem Sanitätsstützpunkt übten wir in der Praxis das Gelernte und vorgegebene Prinzip der Patientensichtung. Es lagen viele Soldaten auf dem Boden mit Schildern um den Hals, die die Art der Verletzung definierten. Wir begannen zunächst mit der “Sichtung” der “Verletzten”. Dann plötzlich riefen unsere Offiziere: ” Atombombenabwurf in 5 km Entfernung”. Nach einer Sekunde des Schreckens erhoben sich alle Unteroffiziersschüler kopfschüttelnd und es begann eine heftige Diskussion mit den Offizieren.

Wir lehnten schlichtweg das weitere Training ab – es war uns klar, daß ein Atombomben – Abwurf in 5 km Entfernung uns alle mit erwischt hätte. Das Feldlager wurde abgebrochen, in der Kaserne fand eine intensive Auswertung des Geschehenden statt. Im Ergebnis dessen wurde uns zugestanden, daß ein Atomangriff auf das Feldlager auf jeden Fall jede weitere Tätigkeit unterbunden hätte und wir ebenso auch tödlich verletzt worden wären. Disziplinarische Maßnahmen wurden nicht eingeleitet!

DER DEUTSCHE ÄRZTETAG MÖGE BESCHLIESSEN:

Vor dem Hintergrund zunehmender kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa und der Welt erklärt der 128. Deutsche Ärztetag 2024, dass in Übereinstimmung mit dem Genfer Gelöbnis die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit von Patientinnen und Patienten das oberste Gebot ärztlichen Handelns ist und bleiben muss. Die Krisenfestigkeit und Resilienz des Gesundheitswesens ist unabdingbar, unterscheidet sich aber grundlegend von Bestrebungen, das Gesundheitswesen “kriegstauglich” zu machen und militärischen Aufgaben unterzuordnen.

Quelle:

https://128daet.baek.de/data/media/BIc73.pdf

Photos: Utzius

Paper / Links:

https://128daet.baek.de/data/media/BIc73.pdf

https://regionalheute.de/bundesaerztekammer-fordert-umfassende-resilienzstrategie-1742841603

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/149727/Lauterbach-will-Gesundheitswesen-fuer-militaerische-Konflikte-ruesten

http://www.med.uni-magdeburg.de/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/JKM_Band9_Kapitel10_Pfeiffer.pdf

https://www.nuance.com/de-de/healthcare/campaign/whitepaper/nursing-crisis-in-germany.html?cid=7016T00000203QFQAY&utm_campaign=EHP-AO-2024-DACH_nursing_WP_Digital_Surround&utm_medium=Display&utm_source=Media&OCID=AID3064843_OLA_31670415_389643358_211351037

https://jacobin.de/artikel/krankenhausreform-karl-lauterbach-klinik-sterben-bundeswehr-militarisierung

https://www.akweb.de/bewegung/kriegstuechtiges-gesundheitssystem-regierung-und-bundeswehr-wollen-krankenhaeuser-auf-den-ernstfall-ausrichten

https://www.vdaeae.de/2024/03/13/pressemitteilung-vom-03-03-2024-krieg-ist-keine-loesung

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-03/krieg-karl-lauterbach-gesundheitsminister-krankenhaus-versorgung-gesetzentwurf-notfall-plan

https://www1.wdr.de/nachrichten/lauterbach-gesundheitswesen-vorbereitung-auf-militaerische-konflikte-100.html

https://www.focus.de/magazin/archiv/politik-intensivmediziner-wehren-sich-gegen-lauterbachs-triage-gesetz_id_108262500.html

https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/lauterbach-plant-wende-in-medizin-und-forschung-fuer-den-kriegsfall-19563750.html

https://www.zefq-journal.com/article/S1865-9217(10)00154-6/abstract

https://www.wsws.org/de/articles/2024/03/11/gesu-m11.html