Venenerkrankung: Schwere und Spannungsgefühl – Welche Kompressionsstrümpfe?

 

Eine Venenerkrankung äussert sich subjektiv in Beinbeschwerden, wie Stauung und Schweregefühl, Schwellneigung und Druckgefühl am Knöchel sind untrügliche Zeichen.  Diese wird allgemein als Chronisch venöse Insuffizienz bezeichnet oder beschrieben. Unter dem Begriff der Chronisch venösen Insuffizienz werden somit Störungen des venösen und daran auch funktionell gekoppelt, des lymphatischen Rückstroms, zusammengefasst.

Pathologische Faktoren einer Venenerkrankung: die Chronisch lymphatiko – venöse Insuffizienz (CVI)

Im Wesentlichen liegen der CVI vier Ursachenkomplexe zugrunde:

  1. Mechanische Behinderung des venösen Rückstroms (Venenverschluss, Zustand nach Thrombose
  2. Defekte Venenklappen des tiefen Venensystems (Leitveneninsuffizienz)
  3. Defekte Venenklappen von Verbindungsvenen zwischen Haut-und tiefem Venensystem
  4. Defekte Venenklappen des Hautvenensystems (subfaszial / epifaszial)

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen venösem und lymphatischem Abtransport aus den Beinen, so dass Venensystem, Lymphatisches System und der extrazelluläre Raum im Gesamtbild des sog. Niederdrucksystems eine funktionelle Einheit bilden. Etwa ein Drittel des gesamten Filtrationsvolumens wird durch die Lymphgefäße reguliert. Kommt es zu einer Störung der als Sicherheitsventile wirkenden Verbindungsvenen (im Rahmen der Krampfaderbildung), entwickelt sich zunächst ein venöses Ödem aber schnell gefolgt von einem Lymphödem.

 

Kombinierten Lipophlebolymphödem nach Verklebung der mehrfachen Stammkrampfadern

Äußere Faktoren beeinflussen veno – lymphatischen Rückfluss

Orthopädische Erkrankungen (Spreiz – / Senkfuss, Sprunggelenkarthrosen etc) können ebenso eine Ursache der Störung des Rückflusses sein, wie auch angeborenen Venenwandschwächen (90% aller Patienten).  Die sich daraus entwickelnden Krampfadern führen ebenso über gleiche Mechanismen zu irreversiblen Schädigungen des gesamten peripheren Niederdrucksystems. Es entwickelt sich ein venöser Rückstau mit permanent erhöhtem Kapillardruck von ca. 100 – 110 mmHg. Dieser permanent erhöhte Kapillardruck stört somit die gesamte lokale Mikrozirkulation. Daraus entsteht das Venenödem, gefolgt vom Lymphödem mit Störungen in der Transportkapazität beider Systeme. Diese primär chronisch venöse Stauung entwickelt sich zur chronisch venösen Insuffizienz und später lymphatiko – venösen Insuffizienz.

Folgen der CVI

Die Folgen sind schwere Schädigungen der Haut, Verlangsamung der Blutströmung, Verletzungen der Veneninnenwände und erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes mit dem Risiko einer Thrombose der tiefen Venen. Daneben sind die o.g. Symptome Schweregefühl, Schwellneigung, Unruhe in den Beinen und Ruhekrämpfe für den Berufstätigen ausserordentlich belastend. Somit ergibt sich – auch ohne eine operative Therapie – eine Notwendigkeit zur symptomatischen und prophylaktischen Therapie.

Kompressionsstrumpftherapie – ist kräftiger immer besser?

In den letzten Jahren hat sich in den interessierten Fachkreisen ein spürbarer Wandel bei der Indikation zur Kompressionstherapie vollzogen, Galt noch vor 5 Jahren das Prinzip, bei jeder Krampfader gleich Kompressionsstrümpfe der Klasse 2 und beim Lymphödem Klasse 3 zu verordnen, so gilt heute eher das Gegenteil. Wir gehen weg von den unpraktischen, schwer zu tragenden, einschränkenden, schlecht sitzenden  festen Kompressionsstrümpfen hin zu leichteren Formen der Kompression. Dies gilt sowohl bei alleiniger Kompression, als auch bei Kompression nach therapeutischen Eingriffen am Venensystem.

Hervorragende Vorarbeit hat hier Herr Prof. Raabe mit seinem Team geleistet ( Uni Bonn).  In mehreren Veröffentlichungen hat er die Möglichkeit leichterer Kompressionstherapie aufgezeigt.

Seine Bericht decken sich mit unseren Erfahrungen und den Aussagen unserer Patienten.

Kompressionsstrumpf Kl. 1 bei leichter CVI, post op nach Mikroschaum und endovenöser Therapie

Wir haben vor 6 Monaten begonnen, unser Verordnungsregime dahingehend zu verändern, dass Patienten mit leichter CVI und nach endovenösen Eingriffen mittels Mikroschaum oder Venenkleber VenaSeal mit dem besser tragbaren, einfacher händelbaren und subjektiv als wesentlich angenehmer empfundenen Kompressionsstrumpf der Klasse 1 nach zu behandeln. Natürlich hängt dieses down grading immer vom individuellen klinischen Befund der CVI und der Varicosis ab, jedoch haben wir ein erstaunliches und für uns sehr überraschendes positives feed back bekommen. Bei gleich guten post op Verläufen berichten die Patienten sehr viel positiver, klagen nicht mehr über Druckschmerz und Problemen beim Tragen der strafferen Strümpfe, Auch sind die Schwierigkeiten des älteren Patienten beim Anziehen der Kompressionsstrümpfe nicht mehr evident. Bei Lymph – und Lipödemen neigen wir inzwischen zur Kompressionsklasse 2 und verordnen lieber zusätzlich regelmäßige Lymphmassagen oder führen sie selbst durch.

Des Weiteren haben wir bei jetzt bereits 84 Patienten in Rostock unmittelbar nach der VenaSeal – Verklebung und nach der Mikroschaumtherapie mit einer Kompressionstherapie mittels 12-Kammer-Hydropressgeräten begonnen. Auch hier zeigen sich hervorragende erste Ergebnisse und Befunde, gerade auch im subjektiven Bereich der Patienten. Darüber aber später mehr….

Kompressionsprophylaxe bei sitzenden / stehenden Berufen

Gleiches gilt nunmehr auch bei prophylaktischer Kompressionstherapie. Alle Patienten mit sitzenden oder stehenden Berufen, oder auch mit ausgeprägter Reiseaktivität via Flugzeug erhalten von uns Kompressionsstrümpfe zwischen 17-20 mm Hg. Diese werden von verschiedenen Herstellern als sog. Reisestrümpfe auch bereits angeboten.

Wir stellen hier seit ebenfalls einem halben Jahr ein deutlich steigendes Interesse fest und – die Patienten sind ausserordentlich zufrieden und beschreiben die positiven Effekte in wirklich beeindruckender Weise.

 

Links:

Siegenthaler, W. et al.: Klinische Pathophysiologie; G. Thieme,  Stuttgart, New York1987

Weber,J. et May,R.: Funktionelle Phlebologie, G. Thieme, Stuttgart, New York 1990

Rabe, E. et al: Symptomorientierte Kompressionstherapie bei subjektiven venösen Symptomen; vasomed 2/17, S. 80 – 84

Rabe, E. : Kompression mit Kompressionsklasse 1 – Wirksamkeit in der Phlebologie; vasomed 2/2016. S. 58 – 61

 

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