Saphenion – Krampfadern im Leistungssport

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Häufigkeit und Auswirkungen

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Venenerkrankungen der Beine sind in der deutschen Bevölkerung sehr häufig. Es wird davon ausgegangen, dass 50 – 80% der deutschen Bevölkerung an Venenkrankheiten unterschiedlichen Schweregrades leiden. In der Literatur finden sich jedoch kaum Publikationen über den Zusammenhang von Sport und Venenerkrankungen. Es steht also die Frage im Raum, welche Auswirkungen eine chronisch venöse Insuffizienz (CVI) auf die sportliche Leistungsfähigkeit im Leistungssport hat.

Rein praktisch gefragt, steht dann an erster Stelle des Interesses die Leistungsfähigkeit von Sportlern mit Krampfadern. Interessant dürfte auch sein, ob das Tragen medizinischer Kompressionsstrümpfe einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit von Athleten mit einer venösen Insuffizienz besitzt. Dazu hat uns bereits 2011 der damalige Welt – und Olympiasieger Robert Harting eine umfassende subjektive Darstellung der Beschwerden und eingeschränkten Trainingsaktivität geben können. Und sich im Rahmen auf seine Vorbereitungen zur Olympiade 2012 in London einer minimalinvasiven Kathetertherapie unterzogen.

Saphenion – Krampfadern und Leistungssport: Die Epidemiologie

Aus epidemiologischer Sicht besitzen chronische Venenerkrankungen einen hohen Stellenwert. Die von Fischer 1979 an 4500 Männern und Frauen durchgeführte ‚Tübinger Studie’ zeigte, dass nur 14% der erwachsenen Wohnbevölkerung überhaupt keinen pathologischen Venenbefund hatte. Im Umkehrschluss bedeutet dies, daß über 80% der Erwachsenen einen Krampfaderbefund unterschiedlicher Ausprägung haben.

Die von der ‚Deutschen Gesellschaft für Phlebologie’ in den Jahren 2000 – 2002 durchgeführte ‚Bonner Venenstudie’ diente der Untersuchung von Häufigkeit und Ausprägung chronischer Venenkrankheiten von 18 – 79 Jährigen. Untersucht wurden 3072 Probanden. Nur 9.6% der Probanden zeigte keinerlei Venenveränderungen an den Beinvenen.

Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass Venenkrankheiten nach wie vor sehr häufig sind. Schwere Ausprägungsgrade (ulcus cruris – Offenes Bein) sind allerdings in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen. Klar dürfte aber auch sein, dass Leistungs – und Spitzensportler in gleichem Umfang von Krampfadern und einer chronisch venösen Insuffizienz der Beinvenen betroffen sind, wie die Normalbevölkerung. Zwingend stellt sich damit auch die Frage, inwieweit diese Venenveränderungen – sportartabhängig – die sportliche Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Die Physiologie

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Venengefäße zählen im Gegensatz zum arteriellen Schenkel des Kreislaufsystems zum sogenannten Niederdrucksystem. Allerdings steigt der Venendruck beim ruhig stehenden Erwachsenen hingegen auf 80 – 120 mmHg. Mit dem orthostatischen Druckanstieg beim Wechsel von der horizontalen in die vertikale Lage geht auch eine massive Zunahme des Blutvolumens einher. Das Niederdrucksystem der Beinvenen besitzt dabei Speicherfunktion. So befinden sich dort beim Stehen 85% des Blutvolumens. Lediglich 15% entfallen auf den arteriellen Teil. Darüber hinaus vergrößert sich das venöse Volumen im Stehen um das 200fache! Somit befinden sich 500 – 800 ml Blut mehr in den unteren Extremitäten als im Liegen.

Aufgrund des großen Volumens ist ein kontinuierlicher und gerichteter Abtransport des Blutes aus der Peripherie von großer Bedeutung. In den Beinen werden etwa 90% des venösen Blutes im Normalfall von den tiefen und nur 10% von den oberflächlichen Venen drainiert. Das Blut der oberflächlichen Venen fließt direkt nach proximal sowie über die Perforanten ins tiefe Venensystem, um von dort zum Herzen transportiert zu werden. Bei retrograder Blutströmung in die Peripherie infolge defekter Venenklappen (Kramnpfadern) kommt es dann aber zu einem sehr hohen Rückfluss des vermeintlich giftigen venösen Blutes in die Unterschenkel.

Für den Abtransport des Blutes sind mehrere Mechanismen verantwortlich. Am liegenden Menschen hat die sogenannte Atempumpe, durch Hebung und Senkung des Zwerchfells bei Ein – und Ausatmung, eine grosse Bedeutung. Dazu kommt die sogenanngte Muskelpumpe, wenn die ruhende Blutsäule durch Muskelbewegung der Beine beschleunigt und damit Blut aus der Peripherie abtransportiert wird. Am wichtigsten ist hierbei die Muskelpumpe der Waden. Als dritter Mechanismus ist die Sprunggelenkpumpe zu nennen. Allein durch passive Bewegung des Sprunggelenks kommt es dort zu einer Beschleunigung des venösen Abflusses. Bei Bewegungen wie dem Laufen oder Radfahren arbeiten ‚Wadenmuskelpumpe’ und ‚Gelenkpumpe’ zusammen. Dadurch kommt es zu einer erheblichen Druckreduktion in den Beinvenen von 80 –100 mmHg im Stehen auf 30 – 40 mmHg beim Gehen. Voraussetzung dafür sind allerdings funktionierende Venenklappen. Bei bestehenden Krampfadern wird dieser Dreiermechanismus empfindlich gestört, es kommt zu einer Blutvolumenzunahme auch bei Belastung und zu massiv steigendem Venendruck in der Unterschenkelmuskulatur.

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Die Pathophysiologie

Die chronische venöse Insuffizienz (CVI) ist ein häufiges Krankheitsbild auch beim Sportler und führt in Abhängigkeit ihres Schweregrades zu typischen Symptomen (Schweregefühl, Stauungsgefühl, Ruhekrämpfe, vollgelaufende Muskulatur). Sportliche Aktivität kann allerdings zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik führen. Die Ursache ist in einer Verlangsamung des venösen Rückstroms – und bei tiefer Einatmung auch in einem massiven Rückfluss des venösen Blutes in die Beine und Unterschenkel zu finden. Daraus resultierend läuft die für die meisten Sportarten wichtige Beinmuskulatur mit Venenblut voll. Der Sauerstoffaustausch wird gehemmt, die Muskulatur ermüdet schneller und ist verletzungsanfälliger!

Während diese Symptomatik beim Läufer und Schwimmer eher weniger auftritt, sind alle Kraft – und Schwersportarten, aber auch alle Ballsportarten (Fußball, Handball, Basketball, Voilleyball, American Football usw.) davon massiv betroffen.

Das Fitnesstraining ist in vielen Punkten  eine grosse Belastung für das Beinvenensytem. Das Stemmen von Gewichten, ob auf der Stemmbank oder auch beim Gewichtheben, stellt eine enorme Druckbelastung für alle Beinvenen dar. Neben dem erheblichen Druck, der sich durch die Anspannung der Bauch – und Beckenmuskulatur in der Bauchhöhle aufbaut, kommt der hydrostatische Druck dazu. Beides führt zu einem Stillstand der venösen Blutsäule in den Beinvenen. Es entsteht ein Stau in dem Muskelvenen insbesondere im Unterschenkel. Ganz dramatisch wird dann die Situation in vorhandenen Krampfadern. Hier kommt es zu einer Umkehr des Blutflusses. Das venöse Blut wird geradezu mit Hochdruck in den Unterschenkel zurück gepresst. Hier kommt es dann zu der bereits beschriebenen Stauung in den Haut – und Muskelvenen und dem Sauerstoffmangel.

Saphenion – Krampfadern im Leistungssport: Empfehlungen

Ganz wichtig für den Leistungssportler ist die Aufrechterhaltung eines weitgehend normalen Venendruckes der Beinvenen und das Verhindern von Rückflussphenomenen des venösen Blutes. Zum Einen sollte also beim Training (auch Wettkampf) ein Sportkompressionsstrumpf aktiv getragen werden. Dies gilt bei allen Sportarten auch für die Hin – und Rückfahrt zum Wettkampfort in Bus Bahn oder Flugzeug.

Zweitens sollten gerade auch Leistungssportler rechtzeitig einen Venenspezialisten aufsuchen und im Rahmen einer Ultraschalldiagnostik den Venenstatus überprüfen lassen. Auch raten wir zu einer frühzeitigen minimalinvasiven Sanierung eventuell vorhandenen Krampfadern, denn diese heilen weder spontan noch durch Sport aus, sie verschlechtern sich eher in ihrer Funktionalität. Dazu gibt es heute sehr gute, effektive und schonende Therapieverfahren, die einen sofortigen Trainingsbeginn nach der Therapie ermöglichen (Radiowellen-/ Laserkatheter, Venenkleber). Venenspezialisten können die Venenveränderungen sehr gut im Ultraschall darstellen. Die Haut – und  Muskelvenen stellen sich als deutlich vergrösserte Gefäße dar, in denen das Blut tatsächlich hin und her pendelt. Hautvenen zeigen sich gut sichtbar im Hautrelief und nehmen an Größe zu. Stammvenen zeigen einen massiven Farbumschlag bei entsprechendem Ein – und Ausatmen, einZeichen massiver Venenklappendefekte bei Krampfadern.

Drittes sind auch Trainingsalternativen für den Kraft und Muskelaufbau zu suchen – hier können wir über sehr gute Erfahrungen mit dem Rudertrainer berichten.

Rudern bei Krampfadern – Aktive Entleerung der Beinvenen

Beim Rudern werden 85% aller Muskeln des menschlichen Körpers, von den Zehen bis zu Hals – und  Fingermuskeln trainiert. Gleichzeitig ist aber durch die Hochlagerung der Beine auf ein Stemmbrett der hydrostatische Druck im Wesentlichen ausgeschaltet. Es kommt nur beim Vorwärtsrollen in Richtung Stemmbrett zu einer kurzen Stauung in den Unterschenkelvenen. Dies wird bedingt  durch das Einatmen mit Druckerhöhung in Brust – und Bauchhöhle und ein Abknicken der Knievene beim Anwinkeln der Kniegelenke. Mit grossem Druck wird dann die Zugbewegung durch die Wadenmuskulatur eingeleitet, der Armzug folgt mit einem kräftigen Ausatmen. Wir bauen also nahezu gleichzeitig Druck auf die Beinvenen auf und erzeugen durch den Unterdruck in der Bauchhöhle einen Ansaugeffekt in den Venen. Beides führt zu einer wesentlich  kräftigeren und schnelleren Entleerung der Beinvenen. Die zusätzliche Belastung der Beinvenen am Unterschenkel durch das hydrostatische Druckgefälle entfällt nahezu komplett. Wir haben es hier also tatsächlich mit einem die Beinvenen schonenden  Muskelaufbau – und Ausdauertraining zu tun.

Unser Tipp für Fitness- Fans: Besser einmal mehr die Ruderbank nutzen und die Hantelstange oder Beinpresse weniger frequentieren.

Unser Tipp für den Krampfader – Patienten:  Neben Schwimmen und Laufen ist die Ruderbank ein sehr effektives, die Beinvenen schonendes Gerät zum Muskelaufbau.

Photos: Saphenion®

Titelbild: Gemälde „American Football“ von Daniela Friederike Lüers

(gemalt für die Rostock Griffins)

Literatur / Links:

Hach, W., Hach-Wunderle, V. & Präve, F. Sekundäre Leitveneninsuffizienz. Gefässchirurgie 7, 171–179 (2002). https://doi.org/10.1007/s00772-002-0221-

Klonizakis M, Tew GA, Gumber A, Crank H, King B, Middleton G, Michaels JA. Supervised exercise training as an adjunct therapy for venous leg ulcers: a randomized controlled feasibility trial. Br J Dermatol. 2018 May;178(5):1072-1082. doi: 10.1111/bjd.16089. Epub 2018 Mar 6. PMID: 29077990; PMCID: PMC6001633.

Ercan S. et al. Effects of isokinetic calf muscle exercise program on muscle strength and venous function in patients with chronic venous insufficiency. Phlebology. 2018 May;33(4):261-6.

Yang D. et al. Effect of exercise on calf muscle pump function in patients with chronic venous disease. Br J Surg. 1999 Mar;86(3):338-41.

http://www.vitanet.de/krankheiten-symptome/krampfadern/ratgeber-selbsthilfe/sport

https://www.medpertise.de/krampfadern-varizen/sport/

https://www.phlebology.de/patienten/tipps/sport-und-bewegung/

https://www.hgz-bb.de/herz-magazin/magazin-detail/training-bei-krampfadern/

https://www.runnersworld.de/verletzungen-vorbeugung/laufen-bei-krampfadern/